Die Geschichte von Schloss Varlar





Südlich des Dorfes Osterwick, auf dem Weg nach Coesfeld, liegt in der Bauernschaft Höven Schloß Varlar. Seit dem 11. Jh. ist urkundlich die Existenz dieser Anlage als Haupthof bezeugt, als nämlich die damalige Besitzerin, eine Edelfrau namens Reimod, hier eine Kirchenstiftung als Grundstein für eine zukünftige Pfarrei Varlar vornahm. Die Pfarrgründung wurde jedoch nicht durchgeführt, und kaum 100 Jahre später waren die Grafen von Cappenberg, vermutlich Verwandte der Stifterin Reimod, auf dem Haupthof ansässig.

 

Die Cappenberger entstammten einer begüterten und einflußreichen Grafenfamilie, die enge verwandtschaftliche Beziehungen zu dem angesehenen Kaiserhaus besaß.

 

Als sie den Kampf aufständischer Sachsen unter Herzog Lothar von Supplinburg gegen Kaiser Heinrich V. unterstützt und an der Belagerung und Plünderung der Stadt Münster maßgeblich mitgewirkt hatten, sollen entweder Reue oder aber die Furcht vor dem kaiserlichen Bann die Grafen veranlaßt haben, den größten Teil ihres Besitzes in Westfalen dem Gründer des Ordens von Premontre, Norbert von Genep, zu übereignen und dem weltlichen Leben zu entsagen.

 

 

Zur Entwicklung des Klosters

 

Die Cappenberger Grafen hatten bei der Stiftung des Klosters die Gründung mit den beiden Haupthöfen Varlar und Coesfeld ausgestattet. Durch Landkäufe, vorwiegend im 13. und 14. Jh., fand der Klosterbesitz weitere Ergänzung. Im Jahr 1249 fiel das Patronat über die Kirche in Rhede dem Kloster endgültig zu und 1338 die dazugehörige Vogtei. Gegen Ende des 14. Jh.s konnte Varlar 85 Höfe zu seinem Eigentum zählen, drei Jahrhunderte später waren es insgesamt 440 Zinsgüter, von denen allein 56 in Osterwick lagen.

 

Das Neue des Prämonstratenserordens bestand in der Rückkehr zu den Wurzeln des Klosterlebens. Prägende Elemente wurden wieder die Askese, die Handarbeit und der klösterliche Gehorsam. Richtschnur allen Tuns war das Postulat der „Liebe“, und die Neubesinnung auf das augustinische Vorbild brachte der Seelsorge erneut einen großen Stellenwert. So übten die Mönche von Varlar zusätzlich die Pfarrseelsorge in Coesfeld, Lette und Rhede aus.

 

Anfänglich genügte für die noch gut überschaubare Klosterwirtschaft eine begrenzte, gering strukturierte Organisation. An der Spitze des Klosters stand der Propst, die Reihe der Kapitularherren wurde vom Prior angeführt.

 

 

Die regionale Bedeutung des Klosters

 

Für die im Umkreis des Klosters ansässige Bevölkerung war es unzweifelhaft von Vorteil, daß in ihrer Nähe ein Kloster bestand, das mit seinem Spital eine erste medizinische Versorgung anbot, und in dessen Gasthaus nicht wenige Arme Aufnahme fanden. Auch wurden hier Prozessionen abgehalten, deren Teilnehmer sogar aus Holland kamen. Den Bauern mag zudem nutzbringend gewesen sein, daß vom Kloster Impulse zur Verbesserung der Ackernutzung ausgingen, denn mit der Bearbeitung großer Anbauflächen, wie sie wohl nur im Bereich der klösterlichen Eigenwirtschaft zu finden waren, mögen fortschrittliche Formen der Landwirtschaft Einzug in diese Gegend gehalten haben.

 

Auch ist nicht ausgeschlossen, daß der erhöhte Bedarf der Klosterbewohner an Lebensmittel, Handwerksgerät und sonstige Dinge des alltäglichen Lebens, der vom Kloster nicht selbst gedeckt werden konnte, die Produktion und den Handel in der Umgebung förderte.

 

 

Varlar als Schloß




Der Reichsdeputationshauptschluß vom 24. Februar 1803 bestimmte die Enteignung der geistlichen Fürstentümer, Klöster und Stifte; der westliche Teil des vormaligen Bistums Münster sollte zur Entschädigung der linksrheinischen Fürsten herangezogen werden. Der Wild- und Rheingraf zu Salm-Grumbach erhielt nicht nur den Besitz des ehemaligen fürst-bischöflichen Amtes Horstmar zugesprochen, sondern auch das Vermögen der säkularisierten Stifte Asbeck, Metelen, Langenhorst und Borghorst, sowie des ehemaligen Klosters Varlar. Damit traten die Rheingrafen die Rechtsnachfolge des Varlarer Klosters an.

 

Am 1. April 1803 zog die rheingräftliche Familie nach Coesfeld, wo zunächst das ehemalige Jesuitenkloster als Wohnsitz diente; dann bezog man nach umfangreichen Renovierungen die Räume des vormaligen Klosters Varlar. Die Regierung übernahm die verwitwete Gräfin Wilhelmine Friederike anstelle des noch minderjährigen, 1799 geborenen Grafen Friedrich Karl August. Die Herrschaft der rheingräflichen Familie über die Grafschaft Horstmar war nur von kurzer Dauer, denn 1806 brach die Zeit der sogenannten Fremdherrschaft an.

 

Der 1816 vom preußischen König in den Fürstenstand erhobene Graf Friedrich Karl August besuchte seit 1817 die Universität Göttingen, die er 1820 verließ, um die Verwaltung des fürstlichen Besitzes zu übernehmen. Als passionierter Land- und Forstwirt sorgte er für die Einrichtung einer Knochenmühle, für umfangreiche Aufforstungen auf ehemaligen Markengebiet und für die Anlegung von Flöswiesen. Sein besonderes Interesse galt der Naturwissenschaft, speziell der medizinischen Forschung, so daß er im Volksmund auch als „Doktor-Fürst“ bekannt war.

 

Nach seinem Tod im Jahr 1865 trat Otto Friedrich Carl das Erbe des Vaters an. Ihm folgte 1892 der Sohn Otto Adalbert August. Wie sein Vater war auch Fürst Otto ein erbliches Mitglied des preuß. Herrenhauses, zudem zeitweise Vorsitzender des Provinziallandtages und Präsident des Deutschen Flottenvereins. Er förderte außerdem den Aufstieg der Universität Münster zur Volluniversität im Jahr 1902, wofür ihm der Ehrendoktortitel verliehen wurde. Nach seinem Tod 1941 übernahm Fürst Philipp Franz die Geschäfte seines Vaters. Als engagierter Forstmann hat er sich bis zu seinem Tod im Jahre 1996 besonders des Aufbaus und Schutzes der Wälder angenommen und sich für die Erhaltung des unter Denkmalschutzes stehenden Schlosses eingesetzt.

 

Dieses Bemühen wird heute von seinem Sohn, Fürst Philipp Otto, fortgeführt, der heute der fürstlichen Verwaltung vorsteht.

 

Besondere Verdienste erwarb sich Fürstin Marie-Therese aufgrund ihres Engagements als Vizepräsidentin des DRK-Bundesverbandes.

 

 

Die Gebäudeanlage




Die Gesamtanlage von Varlar setzte sich ursprünglich aus Vorburg und Hauptburg zusammen. Während in der Vorburg die Versorgungs- und Wirtschaftseinrichtungen zu finden waren, bot die Hauptburg jene Räumlichkeiten, die für die Aufrechterhaltung des geistlichen Lebens als notwendig angesehen wurden. Beide Bereiche waren jeweils durch Gräften gesichert, deren Ursprung wahrscheinlich auf die ehemalige Burganlage zurückgeht.

 

Der nahe des Schlosses vorbeifließende Varlarer Mühlenbach sicherte durch Speisung der Gräften die gesamte Burganlage und versorgte deren Bewohner und die angelegten Mühlen mit dem notwendigen Wasser. Rund 250 m nordöstlich der äußeren Gräfte befindet sich noch heute die „alte Mühle“ mit den dazugehörigen Teichen; sie besteht nachweislich mindestens seit 1595 und wurde 1793 unter dem Propst Joseph von Eschede neu errichtet, wofür die dort eingelassenen Wappensteine zeugen.

 

Mit dem Besitzübergang an die Wild- und Rheingrafen wurde das ehemalige Kloster umgebaut; die zentrale Klosteranlage wurde abgebrochen, erhalten blieb der Westtrakt und der Südflügel mit dem sogenannten „Rittersaal“.

 

Auch die Klosterkirche und das nordwestlich der Kirche gelegene Gebäude riß man 1821 nieder. Die Vorburg verlor die Wirtschaftseinrichtungen an der Nordseite und die Ostfassade erhielt 1828 nach Plänen des Architekten Adolf von Vagedes eine neue Gestalt.

 

1896 setzte man dem Gebäude ein Mansardendach auf und versah die Längsseiten des Südflügels mit außenliegenden Treppenflügeln.

 

Das Schloß Varlar steht unter Denkmalschutz und wird von dem Eigentümer und seiner Familie bewohnt. Daher wird um Rücksichtnahme und Verständnis gebeten, daß die Schloßanlage nur von der Zufahrtsstraße aus besichtigt werden kann.